provinzgefluester


Understand we’ll go hand in hand
Januar 22, 2008, 12:17
Gespeichert unter: Alltag, political

Halb eins. Gegen eine Brücke pissen. Egal ob jemand guckt oder in der Nähe ist.
Werden wir in 10 Jahren immer noch hier stehen.
Nichts gekifft, trotzdem gesoffen. Der Abend hätte auch ruhiger ausfallen können. Ich hätte Bukowski gelesen und wäre mit dem Gedanken, dass ich doch irgendwo besser sei, in Ruhe eingeschlafen.
Ihr wart da, und ich frage mich, wie es in 10 Jahren an dieser Stelle aussehen sollte.
Fragen bzw. Vorstellungen an die Zukunft bestimmetn mein Denken.

Ich weiß nicht genau seit wann ich mir über diesen Themenkomplex Gedanken mache, aber in letzer Zeit häuft sich so einiges, was mich vor allem heute endlich dazu gebracht hat, mal was aufzuschreiben.
Ist das Leben komplizierter oder einfacher als “früher”? Früher kann jetzt Jeder für sich grob definieren wie er will, ich meine dabei aber etwa eine Zeitspanne von vor rund 10.000 Jahren bis vielleicht zur Industriellen Revolution, der Entdeckung des Stroms und der drahtlosen Kommunikation oder vielleicht auch noch bis zum Zweiten Weltkrieg.
Also eine Zeit, in der Jeder noch ein wenig auf sich selbst und seine unmittelbare Umgebung angewiesen war, aber vielleicht ein völlig anderes Selbstbild und Selbstbewusstsein hatte. Eine Zeit, in der die eigene Leistung des Körpers und des Geistes so ziemlich ein Universalkapital waren. Eine Zeit, in der die Überlieferung einer Nachricht über größere Distanzen noch Tage und Wochen brauchte und eine “Reise” noch eine völlig andere Bedeutung hatte, weil sie von vorne bis hinten mit Anstrengung aber Erfahrung verbunden war.Das klingt jetzt noch nach toller naturverbundener Selbstverwirklichung, aber in Wirklichkeit waren diese Zeiten auch nicht rosig. Niedrigere Lebenserwartung, Kriege und Krankheiten, Unterdrückung und Klassenkampf durchziehen jede Epoche. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen.
Erst die Aufklärung versuchte – und das im Laufe der Zeit ja erfolgreich – dem Menschen sein Schicksal und die Eigenverantwortung in die eigenen Hände zu legen. Eine neue Art Mensch war im Entstehen, der die Welt von oben bis unten zu Begreifen versuchte. Wissenschaft verdrängte Religion, in Europa entwickelte sich so langsam die Demokratie, die Industrielle Revolution förderte die Massenproduktion und parallel dazu verbesserten sich die Lebensumstände. Welche dieser Faktoren sich jetzt gegenseitig bedingte, ist mir nicht bekannt.Jedoch hat sich diese Entwicklung etwa so und nicht anders vollzogen und wir stehen vielleicht nicht an dessen Spitze, aber dennoch weit vorne.
“Eigentlich klasse”, könnte man meinen. Aber der Knackpunkt der ganzen Geschichte ist, dass meiner Ansicht nach Einiges auf der Strecke geblieben ist – beziehungsweise sich nicht wirklich verbessert hat, sondern verschlechtert – oder einige Verbesserungen auf Kosten Anderer einfach zu weit getrieben worden sind:

Da sei einerseits die Bürokratie.
Vor allem hier in Deutschland aber auch weltweit muss man sich damit einfach auseinandersetzen. Papiere und Bescheinigungen hier und da. Ein gewisser Verwaltungsaufwand lässt sich bei wachsender Bevölkerungszahl und vielen Menschen auf einem Haufen einfach nicht vermeiden. Und ich kenne mich zuwenig mit Allem aus, um es gezielt zu kritisieren oder zu boykottieren, aber ich bin der Meinung, dass es den Menschen bedeutend einschränkt und das in vielen Bereichen. Und darauf möchte ich hier hinweisen.

Kennt ihr diese Klischeeszene, in der im Schaufenster ein Schild ausgestellt ist “Help wanted”, jemand läuft in diesen Laden, das Schild wird weggenommen und er ist eingestellt? Wenn es jemals eine Zeit gab, in der das (für ungelernte Arbeitskräfte selbstverständlich) möglich war, dann ist die lange vorbei. Zuviel Bürokratisches Dingdong steht dazwischen. Mir ist es z.b. ehrlich gesagt egal, ob ich bei der Arbeit versichert bin oder nicht. Wenn ich einen Job annehme, dann komplett mit allen Risiken (über die ich mich auch vorher informiere). Ich gehe arbeiten, auch mit dem Bewusstsein, dass ich mich dabei verletzen könnte. Aber das gilt für jede Aktivität meines Tagesablaufs. Ich könnte hier noch weiter in persönliche Erlebnisse abdriften, aber dann verliert sich der Rote Faden zu schnell.
Dann natürlich Zweitens: Kommerz und Kapital
Hier muss man eigentlich nicht mehr viel an Worten verlieren, da Kapitalismus und die Kritik daran ja doch immer häufiger auftreten.
Die Industrielle Revolution und die dadurch eingeleitete Massenproduktion hat den ideellen Wert der Arbeit für den Menschen hemmungslos degradiert und ihn selbst nur zu einem weiteren Faktor im Produktionsprozess gemacht.
Der Mensch fertigt keine Stühle mehr, er baut und wartet Maschinen, die das für ihn tun (immerhin noch etwas) oder er macht Werbung für den Stuhl oder verkauft ihn und all das, obwohl er keine Ahnung mehr von dem Produkt an sich hat. Die Wenigen, die das noch selbst tun – sich selbst in ihrem Produkt verwirklichen und Ahnung haben, von dem, was sie tun – müssen mehr Geld verlangen, um bestehen zu können, aber gehen wegen der billigen Maschinenkonkurrenz unter. Das ist ein weitläufig bekanntes Problem, mit dem sich ja auch vor mir so Einige beschäftigt haben, mag man Marx glauben.

Aber selbst dieser kommunistische bzw. antikapitalistische Ansatz ist, trotz seiner Richtigkeit, veraltet und berührt meiner Meinung nach nicht mal ansatzweise die heutigen, nahezu pervers anmutenden Verhältnisse. Es ist unfassbar, auf welche Arten und Weisen Geld aus etwas gemacht wird. Bildung wird verkauft und drastisch umgestaltet und das im Zuge der “Globalisierung” oder “Angleichung an europäisches Niveau” – also Anpassung an wirtschaftsorientiertes Denken und Arbeiten.
Leute werden mit ihren Wünschen und Vorstellungen geködert und dann zur Schau gestellt, bzw. übers Ohr gehauen.
Wenn man auf traditionelle Weise (um wieder auf das zurückzukommen) auf der Suche nach einem einfachen Job mit geringem Verdienst ist, stößt man häufig auf:
1. Promotion und Call Center (zu deutsch: man bekommt Geld, um anderen Leuten auf die Nerven zu gehen, meistens noch auf Provisionsbasis, so dass diese Leute echt hartnäckig sind) oder:
2. Verarsche (erst mal teure Nummern anrufen/1000 Euro blechen und nie Irgendwas bekommen/ein Schneeballsystem/etc.)
Beide meistens mit sehr unrealistischen Gehaltsangaben.
Man muss sich erst durch den Dschungel der bösen Anzeigen und Inserate wühlen, um auf etwas brauchbares zu stoßen. Keine unlösbare Aufgabe, aber auch ein unnötiges Hindernis.
Eine Ausnahme stellt meistens noch die Gastronomie dar.

Dann gibt es noch die vielen kleinen Dinge, über die ich mich täglich aufregen könnte:
Jambaklingeltonwerbung mit Winzigkleingedrucktem. Völlig unfair, vor allem für Kinder, aber leider völlig legitim.
Rechtsradikalismus. Dumm, aggressiv, hohl und gefährlich und das ganz offensichtlich. Aber leider meistens alles im Namen der Meinungsfreiheit und dann völlig legal.
Promimagazine, die den Menschen zeigen, was Fürst XY und Schauspieler YZ in ihrer Freizeit machen, anstatt den Leuten zu helfen, aus ihrem eigenen Leben etwas (oder etwas noch besseres) zu machen.
Übertriebene Vorstellung und Darstellung von Sex, die immer mehr Anstrengung und Druck (vor allem für Heranwachsende) darstellt, als ein zwischenmenschliches Ereignis, das mit Spaß und Freude verbunden sein sollte.
Völlig undurchsichtige und teils ungerechtfertigte Verträge und Gebühren für Dinge, die Allgemeingut werden sollten.

Um halbwegs den Bogen zu bekommen: Es wäre einfach nett, wenn sich der Mensch in einen Mischmasch begeben könnte aus nützlicher Technologie und Wissen(schaft), dabei ständig seiner Selbstverantwortung bewusst und Dinge durch Vernunft entscheiden könnte, so dass sich nicht irgendein Müll durch Gesetzeslücken schlängeln darf. Andererseits einfach Freiheit für den Menschen in Bereichen, in denen er es verdient hat und die Möglichkeit, sich jederzeit zu entfalten und selbst zu verwirklichen.

Aber mittlerweile driften meine eigentlichen Gedanken in Utopien ab. Das war nicht meine Absicht. Ich wollte eigentlich mehr auf die Einleitung eingehen und Jeden dazu anregen, darüber nachzudenken, was er wohl so vor 500-5000 jahren gemacht hätte. Fließend Wasser, Handys und Altersvorsorge gabs natürlich nicht – aber das wussten die Leute ja nicht.
Wärt Ihr ein anderer Mensch? Die Religion und Zivilisation im Gesamten ist mir dabei gar nicht so wichtig, vielmehr interessiert es mich, wo Eure (evtl auch heutigen) Ziele bei den damaligen Gegebenheiten gelegen hätten und was Ihr getan hättet, um diese zu verwirklichen. Back to the Roots praktisch

Ich bin jetzt 20, habe langsam das Interesse mein Leben zu Formen, aber ich komme in der Gesellschaft hier und heute teilweise nicht mehr klar. Wenn es so mit mir weitergeht, wohne ich in zwei Jahren im Wald und jage mein Essen mit einem Speer. peinlich/erstaunt
Und vielmehr frage ich mich auch, ob die Gesellschaft so weitermachen kann, oder ob es irgendwann den großen wirtschaftlichen und sozialen Kollaps gibt, der mir realistischer (und vor allem notwendiger) erscheint, als z.b. eine vernichtende Naturkatastrophe oder einen Atomkrieg.(Alte Einträge, unlängst öffentlich)


1 Kommentar bis jetzt
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“Wärt ihr ein anderer Mensch?”
Nein. Denn damals wie heute denkt jeder Mensch nur an sich, an sein Wohlergehen. Vielleicht noch an das seiner Familie und damit an das Vorbestehen seiner Gene. Triebbefriedigung; darauf läuft es hinaus. Auch heute in der die ach-so-zivilisierten Welt.

Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du stellst dich dagegen und stirbst an Einsamkeit oder du beginnst selbst ein triebgesteuerter Egoist zu werden und gehst fettgefressen, mit Drogen vollgepumpt zu Grunde.

Die Wahl dazwischen nennt sich “Freiheit”.

MfG
Daniel

Kommentar von belafleck




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