provinzgefluester


Oktober 24, 2008, 10:06
Gespeichert unter: Alltag

Neuer Job und viel zu schreiben.

Doch lieber lässt man die anderen vor.

Ich sitz gerade neben dir.Ich nerv dich,weil ich mit dir raus möchte,aber du musst arbeiten.Ein schwindelanfall nach dem anderen,die schlechte luft drückt auf die lunge.Ich bin die ganze zeit da.Ich warte,dass wir loskönnen.Soeben hab ich dir in deinene babyspeck gegriffen,aber du hast kein recht darauf das bei mir zutun.Ich lenk dich ab,aber soviel hast du gerade garnicht zutun.Ich nehm dich bei der hand,dein chef kann mich mal!wir gehen raus auf die straße,es regnet,ich schau dir in die augen.



Harry
Oktober 10, 2008, 10:46
Gespeichert unter: Alltag

Ein halbes Jahr woanders, und man nimmt so viel mit.
Da war Harry, den ich im autonomen Zentrum kennen lernte.
Wenn man ihn anschaute, dachte man, einen 50-Jährigen Junkie vor sich zu haben. Stimmte auch an sich, mit dem Unterschied, dass Harry gerade mal Ende 30 war.

Eingefallenes Gesicht, Beine dünn wie ein Storch, und immer diese total krassen Pupillen, auf die selbst ich irgendwann neidisch war.
Harry war eine Zeit lang auf Heroin, dazwischen etwas Schore und im Endeffekt ein Platz im Methadon-Programm.
Methadon, was im Endeffekt für ein paar Euro gegen Wein oder das szene-bekannte Maternus Bier eingetauscht wurde.

Immer Abends, spätestens acht Uhr, spazierte Harry in die Kneipe.
Wenn er Wein getrunken hatte, war er zu diesem Zeitpunkt bereits wenig ansprechbar. Und wenn schon, dann verstand man ihn mindestens zu späterer Stunde kein bisschen mehr.
Einige Jahre vorher fuhr er jeden Tag nach Bielefeld, sammelte Flaschen und setzte das Geld um. Oder verkaufte hier und dort mal nen 5er gutes Gras an die Jung-Punks.
Auch das ist bei ihm bereits vergangen.
Jetzt traf man Harry abends in der Kneipe. Jedwegiger deutsche Spießbürger wäre ihm in Kombination mit seinem Erscheinungsbild wahrscheinlich schnellstens aus dem Weg gegangen.
Mir war es egal. Ich gab ein Bier aus, und Harry hatte immer etwas zu erzählen. Über das legendäre Misfits-Konzert Ende der 80er. Die Straßenschlachten zu den Chaostagen oder halt Junkie-Storys.
Zu Anfang, als ich dorthin zog, erwischte ich Harry mit Schore auf dem Klo und schrie ihn wie ein Irrer zusammen.

Das war das schöne an Harry. Er wusste von sich selber, was er für fertige Dinge mit seinem Körper angestellt hat, dass er extrem nach Alkohol roch und sowieso immer schief angeguckt wurde.

Immer Abends, spätestens acht Uhr, spazierte Harry in die Kneipe.
Und dann war es ihm egal, wer da saß. Hier ging er seit über 15 Jahren ein uns aus.
Wenn dann mal wieder eine dieser Drum´n Bass Partys anstand oder ein Dub-Cafe, dann war Harry´s Zeit gekommen. Aufregen, auskotzen, rummeckern, das war sein Ding. Dass es früher noch richtige Punks mit richtigen Konzerten, richtige Autonomen mit richtiger Militanz gab, und sowieso das alles früher besser war.
Zum Ende hin noch 1-2 Euro für die Busfahrt erschnorren, und gegen spätestens Elf Uhr war Harry wieder weg.

Seine Wohnung lag in einem Plattenbau, unten ein Shanghai-Barbecue Imbiss, ein Stockwerk höher Harrys Wohnung. Ohne Strom, immer mit den geschnorrten Kerzen und ein wenig Schimmel an den Wänden.
An guten Tagen kam er mit einem Fertiggericht an, zwar kalt aber für ihn und seine abgehalfterten Zähne etwas besonderes. Harry aß nicht viel, mittlerweile wohl kein Phänomen, sondern Mitbringsel nach Heroin-Geschichten.

Eine Zeit lang dachte ich oft darüber nach, was er wohl den ganzen Tag machen würde, abgesehen vom Schnorren und der Suche nach Kerzen.
Modellbau. Schlichter Modellbau. Bevorzugt Revell, saß Harry also Abends, im Kerzenschein und ausgestattet mit Rotwein, Marke King Arthur, in seiner Wohnung. Ein Paradoxon, was ich vorerst nicht verstand. Ich dachte an mich, mit 10 oder 11 Jahren, wie ich begeistert Panzer und Flugzeuge von Revell zusammenbastelte, anmalte und aufstellte. Ohne Wein, Schore und Kerzen.
Schon komisch, aber gerade im Umgang mit ihm ein Rückhalt, zu wissen, dass ihn noch etwas erfreuen konnte.
Erfreulich unter anderem Harrys Art zu schnorren. Nicht penetrant, nicht wehleidig. Immer offen und ehrlich, und wenn es dann 2 Euro gab, ging ein Grinsen über sein Gesicht. Ein ehrliches und aufrichtiges Grinsen.

An einigen Abenden, wenn bei mir gar nichts mehr ging, redete ich lieber mit Harry als anderen in der Kneipe. Mit Harry konnte man, ob besoffen oder nicht. Harry saß immer dann, bevorzugt auf dem Stuhl ganz rechts an der Theke.
Und bereits beim reinkommen konnte man wissen, ob redebereit oder nicht. Ob King Arthur Wein oder Maternus Bier.

Wahrscheinlich baut er gerade den Leopard 2A5 zusammen, im Schein der Kerze oder des Sonnenlichts, was langsam durch die gelben Gardinen scheint.

„kann man halten wie man will, aber die ehrlichsten leute sind doch immer die krassen fucker, denen es sowieso egal ist, was du von ihnen hälst.“



Kennst du noch?
Oktober 6, 2008, 8:20
Gespeichert unter: Alltag

Ein kleines Becks im Rausch und ein Eilzug in der Stadt.

Als ich gegen Frühabend mit meiner Mutter an unserer alten Firma vorbei fahre, fragt sie mich, an was ich mich erinnere.
An die Zeit, bevor mein Vater krank wurde.

Als er mir und meinem besten Freund 5 Mark zum Fugenkratzen gab.
Ich neben der Drehmaschine stand und all seine Errungenschaften bewunderte.
Er sprach fast jeden Tag davon, wie ich einst diese Halle übernehmen und seine Firma führen würde.
Für einige Momente war ich von all dem überzeugt.
Heute liegt dies über 9 Jahre zurück und bei all den Vergangenheitsreisen wird mir schlecht.
Ein beklemmendes Gefühl, als würde man nach einer 1-Euro Jägermeister Party seinen Mageninhalt bestaunen.
Nichts als purer Ekel.
Dies trifft mehr mich als meinen Vater.
Heute gehe ich morgens in unser Wohnzimmer und sehe jemanden auf dem Sofa.
Er kann seine linke Körperhälfte nicht bewegen, spricht kaum mit mir und raucht wie ein Schornstein.

Ich denke zurück, und immer noch ist mir schlecht.
Es gibt weder Hoffnung noch Trauer in diesem Theaterstück, geschrieben und gespielt in meiner Familie.
Wie oft es diese Momente gibt, in denen man alles verlassen und vergessen will.

Als ich gegen Frühabend mit meiner Mutter an unserer alten Firma vorbei fahre, fragt sie mich, an was ich mich erinnere.
An die Zeit, bevor mein Vater krank wurde.

Ich kann nicht vergessen, wie gut es uns damals ging. Wie stolz ich als 12-Jähriger bei ihm und an einer seiner Maschinen stand. Stolz auf ihn.
2 Jahre später liegt er in der Reha-Klinik und ich stehe wieder dort.
Ohne ihn.
Als man noch versuchte, diese Firma mit seinen Mitarbeitern über Wasser zu halten.
Mittlerweile 7 Jahre, und man hat damit Frieden geschlossen.
Dass es über die Jugend hinweg keinen gab, der einem Grenzen setzte.
Dem mittlerweile alles egal ist. Der einen anschreit, wie verkorkst das eigene Leben sei.

Auch wenn ich, wie so oft, nur kotzen will, ist da doch eine Art Freude.
Wenn man so viel aus der Vergangenheit, explizit der Jugend, verdrängt und vergessen hat. Und trotz dessen immer noch Momente existieren, in denen man mit Wehmut an Zeiten wie diese zurückdenkt.

Als mein Vater noch 2 gesunde Arme hatte und einen gesunden Verstand hatte.

Wir tragen Sterne
Wir tragen Herzen
Wir wollen lachen

Und wollen scherzen
Dann wieder wein´n
Und traurig schein`n
So muss das sein
so wird das sein
So muss das sein
so wird das sein